2014-01-05

God Save the Punk!

Der SO 36 füllte sich recht schnell. In dem Publikum war so ziemlich alles vertreten, was auch in diversen Veranstaltungen dieser Art zu sehen ist: Irokeser, Rockertollen oder Glatzen, aber auch gegelte Yuppieköpfe, viel viel bunte Haut unterschiedlicher Stilrichtung und viel unterschiedliche "Stammeskleidung" – ein scheinbar kompletter Querschnitt durch die gesamten T-Shirt Produktionen der Merchandiser und Militarymailordern. Viele Jungs schienen mir in viel zu kurzen und viel zu engen Hosen unterwegs zu sein, was ihnen einen recht seltsamen Gang aufzwang und mir einen unfreiwilligen Blick auf ihre Unterwäsche bescherte. Sie trugen Ringgürtel um die Hüften, lange Haare und Wollmützen oder Schirmkappen und wirkten auf mich feminin und weich...
Die ersten Akkorde haben mich auch überrascht.
War das Punk?
Zugegeben, seit meiner aktiven Zeit ist sehr viel Wasser in sämtliche Ozeane geflossen und nichts mehr scheint so zu sein wie früher, aber das, was ich nun zu hören bekam, war zwar laut und mit kurzen harten Beats, so dass der Schlagzeuger von Radio Dead Ones, die zuerst spielten, bereits nach zwei Minuten seinen nackten Oberkörper präsentierte und ich kurzzeitig überlegte, ob ich meine Ohren mit Ohropax schützen sollte. Zugleich hörte sich das aber irgendwie weicher und melodischer an, als alles, woran ich mich erinnerte. Als dann die Creepshow mit einem Kontrabass und einem Keyboard auf die Bühne kamen, traute ich meinen Augen erst recht nicht. Die Frontfrau der Truppe - eine sehr filigrane blonde Erscheinung - stemmte gleich zu Beginn ihres Auftritts das linke Bein auf einen der Blaster auf dem Bühnenrand und gewährte der unten versammelten Männerschaft einen Blick auf ihre Oberschenkel und ihre blaukarierte Unterwäsche. Während die Jungs einen tieferen Schluck aus ihren Plastikbierbecher nahmen, griff ich zu meinem Fächer, um die Schamesröte von meinem Gesicht zu vertreiben. Gott sei Dank lieferte die Bühnenbeleuchtung eine wechselnde Farbkulisse. Vollkommen unbeeindruckt machten die Creepshows ihre Show. Während die Jungs die Backgroundchorelchen trällerten, forderte die Frontfrau das Publikum auf, ihre Hintern in Schwung zu bringen; es wäre für ihr Geschmack zu wenig Bewegung da.
Und da ist es doch was passiert, was mich an früher erinnerte. Die Jungs folgten der Aufforderung und begannen vor der Bühne den Tanz zu tanzen, der so sehr an eine Schlägerei erinnert. Als die U.S Bombs und nach ihnen Deadline auftraten, war das das Publikum so aufgeheizt, dass es ohne weitere Aufforderungen im Schwung blieb und die Schlagworte mitgrölte. "We are the problem!" - kam mir sehr bekannt vor, aber die nun folgenden "We are the solution!" mutete mir fremd zu.
Nach fast vier Stunden und etlichen Zugaben war die Show zu Ende. Erst jetzt, nachdem sie sich etlichen Mut angetrunken hatten, trauten sich auch ein paar Punkjungs mich anzusprechen und mit einem Blick, das mich entwaffnen sollte, zu fragen, wie alt ich denn wäre. Ich schaute auf sie hinunter – nicht weil ich so überheblich wäre, sondern weil sie allesamt einen Kopf kleiner waren als ich - und antwortete: "Ich, ich war schon dabei als die Sex Pistols sangen!".
God save the Punk!
 
 
U.S. BOMBS: www.myspace.com/theofficialusbombs
DEADLINE: www.myspace.com/deadlineuk
THE CREEPSHOW: www.myspace.com/thecreepshow
DARBUSTER: www.myspace.com/darkbuster
RADIO DEAD ONES: www.myspace.com/radiodeadones

 
 

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